Trauma Definition:

 

Trauma ist eine unvorbereitete, plötzliche, über den Menschen hereinbrechende, höchstmögliche Konfrontation mit der Endlichkeit des Seins. Die Reizüberflutung führt zur Blockierung der Gefühle, Sprache und der bewussten Wahrnehmung. Zu unterschiedlichen Zeiten können die Erinnerungsspuren der Sinne und Gefühle ins Bewusstsein gelangen. Je nach Veranlagung und individueller Lebensgeschichte resultierenhieraus unterschiedliche Beeinträchtigungen bis hin zum Krankheitswert.

 

( Dr. H. Jatzko, Sybille Jatzko, 1997, neu 2001)

 

Ein traumatisches Ereignis ist eine seelische Verletzung. Der betroffene Mensch hat eine neue Erfahrung gemacht, und kann nun vieles, was in ihm selbst passiert ist kaum begreifen. Die Betroffenen fühlen sich wie seelisch taub. Die nun langsam wiederkehrenden Gefühle und Körperempfindungen sowie die psychomotorische Unruhe werden häufig als bedrohlich erlebt, und lassen den Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen.

 

In der Zeit nach dem Trauma kommen ungewollt Bilder, Geräusche (können auch Stimmen sein), Gerüche, Geschmack, Hautgefühle, Schmerzen sowie andere Empfindungen und Gedanken ins Bewusstsein. Sie erinnern an das Trauma, obwohl der betroffene Mensch versucht sie beiseite zu schieben. Viele haben das Gefühl sich nicht mehr in den Griff zu bekommen. Ihr Leben wird von dem Ereignis bestimmt.

 

Es ist uns wichtig Trauma und Belastung deutlich zu unterscheiden.

 

Die Behandlung und die Konsequenzen müssen unterschiedlich sein. Gutachter weisen oft Lücken im neuesten Wissenstand auf.

 

Ein Trauma ist ganz wesentlich von der neu gemachten Erfahrung geprägt, die außerhalb des bisher Üblichen liegt.

 

Trauma ist eine Verletzung des Netzwerkes der Seele, welches zu unterschiedlichen „Narben“ und dauerhaften Beeinträchtigungen führen kann, je nach der schwere dieser Verletzung. Dieses entspricht einer körperlichen Verletzung, d.h. es führt zu einer dauerhaften hirnorganischen Veränderung. Die Funktion ist an das Organ (Gehirn- Netzwerk) gebunden und sollte nicht mehr abgegrenzt werden!

 

Der Unterschied zwischen Trauma und Belastung liegt im Mitbetroffensein des vegetativen Nervensystems, das seinerseits autonom reagiert. Die traumatische Reizüberflutung wurde in tieferen Hirnregionen abgespeichert. Das Sprachzentrum, sowie die bewusste Wahrnehmung wurden blockiert. Diese traumatische Reizüberflutung, die ihrerseits einen Überlebensmechanismus auslöst, der ohne notwendigerweise das Bewusstsein gesteuert wurde, ist nun als neue Erfahrung verankert und kann durch Reizauslöser ständig ausgelöst werden.

 

Bei einer Belastung wird beim Erinnern oder Denken immer wieder daran (also durch Stimulation aus der Großhirnrinde) auch eine vegetative Reaktion ausgelöst. Diese Reaktion steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Gedachten und kann normalerweise von den betroffenen Menschen nachvollzogen und beeinflusst werden.

 

Bei einem traumatischen Erlebnis reagiert das vegetative Nervensystem durch Stimulation aus dem Hypocampus zeitweise völlig selbständig, ist nicht über das bewusste Denken zu steuern und kann schlecht zugeordnet werden. Die Selbstsicherheit geht verloren. Für die Betroffenen verändert sich die Wahrnehmung in dieser Welt. Sie müssen über Fürsorge, Achtung und Würdigung eine neue Lebenssicherheit finden.

 

Ein Verarbeitungsversuch der Großhirnrinde geschieht in Träumen. Aus tieferen Hirnkernen kommen die sehr belastenden Alpträume mit Schweißausbrüchen.

 

Ein Gefühl der Gefahr bleibt zurück. Betroffene fühlen sich ständig angespannt, und müssen wie ein Reh „auf der Hut sein“. Das Vertrauen in ein gütiges Schicksal ist verloren gegangen. Wir nennen es Verlust des Urvertrauens.

 

Das Wiedererleben ist in der akuten PTSD Phase eine außergewöhnliche Belastung. Diese Belastung ist zum Teil so groß, dass Opfer Angst entwickeln schlafen zu gehen, denn in der Entspannung kommen die inneren Bilder. Diese können so unerträglich werden, dass nur noch im nicht mehr Dasein eine Erlösung hiervon gewünscht wird. Auch dieSelbstmedikation mit Alkohol führt zu weiterer körperlicher, psychischer und sozialer Beeinträchtigung. Wirgeben, um möglichst schnell, um die Angst vor dem Schlafengehen zu verlieren, ein Kurzeitschlafmittel (4 Std wirksam) . Danach können die Betroffenen dann 4 Stunden schlafen und so manchem genügt diese Zeitspanne erst einmal um ein wenig Erholung zu finden.

 

Um die akuten inneren Bilder etwas beiseite schieben zu können, haben wir zu diesem Zeitpunkt auch das EMDR mit den Opfern versucht und es Ihnen gezeigt.

 

(EMDR= Eye movement desensitization and reprocessing, von F.Shapiro)

 

Gerade bei länger zurückliegenden Traumata, die keine vordergründigen Beeinträchtigungen erzeugten, können Reizauslöser wieder das Vollbild wie bei einer akuten Post Traumatischen Belastungsreaktion hervorbringen.

 

So manches Mal erleben wir Symptome heftigster Beeinträchtigung nach einem erneuten Vorkommnis, dass eine frühere ähnliche Traumatisierung aktiviert, aber als weiteres Trauma –Ereignis ( Re-. Traumatisierung) betrachtet werden muss.

 

Schlafstörung beginnt unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis und unterstützt die Erschöpfung zusätzlich. Menschen können sich nicht mehr erholen und haben einen permanent „zerhackten“ Schlaf. Traumatisierte können nur nach völliger Erschöpfung einschlafen und dann meist nur 2-3 Stunden. Schweißnass gebadet wachen sie wieder auf und können sich häufig nicht an den Traum erinnern, aber wissen, dass es ein schlimmer Traum war. Diese Schlafschwierigkeiten halten unter umständen Jahrelang an.

 

Es besteht die Gefahr einer Benzodiazepin- Abhängigkeit Diese Medikation hat keinen Einfluss auf die Traumaverarbeitung. Die allgemeine Belastbarkeit wird zusätzlich geringer.

 

Die körperliche Erregung bleibt bestehen. „ Unter Strom stehen“.

 

Die innere Welt befindet sich ständig im Zustand der höchsten Erregung, als müsse der Betroffene ständig fliehen.

 

Die Vermeidung der auslösenden Reize ist in der akuten Phase eine wichtige Entlastung.

 

In der Vermeidung kann der Betroffene langsam wieder Sicherheit gewinnen. Dieses Verhalten kann mit einem Beinbruch verglichen werden, wobei das Bein erst nach dem Zusammenwachsen wieder belastbar wird. So kann die Seele erst nach einer Vermeidung und Beruhigung wieder langsam Belastungen zugeführt werden. Die Ermöglichung der Vermeidung ist eine Fürsorgepflicht, vermeiden ein Menschenrecht!

 

Hier ist besonders zu unterscheiden zwischen akuter Belastungsreaktion und traumatischer Belastungsreaktion. Bei traumatischer Belastungsreaktion wird durch zu schnelle Konfrontation die Traumaverknüpfung im Gehirn verfestigt, und damit kann eine Chronifizierung entstehen. Die Vermeidung, die akut von den Traumatisierten gewünscht wird, gehört zur Menschenwürde, die geachtet werden muss.

 

Es entspricht einer seelischen Entlastung, wie bei einem Beinbruch das verletzte Bein entlastet werden muß.

 

Die Gefühlstaubheit/ Niedergeschlagenheit sind Folgen, die bei einer akuten Belastungsreaktion und einer traumatischen Belastungsreaktion auftreten. Traumatisierte Menschen haben neben dieser Niedergeschlagenheit auch eine ständige Übererregung, was zur zusätzlichen Erschöpfung führt. Das Gefühl der Gefahr ist ständig vorhanden und klingt erst nach Vermeidung und Beruhigung ab.

 

Die Konzentrationsschwierigkeiten sind üblich nach traumatischem Erleben und haben je nach schwere des Traumas erhebliche Auswirkungen für den betroffenen Menschen. Das Erstellen einer aktuellen „Landkarte“ ist gestört.

 

„ Nach dem Einkaufen komme ich aus dem Kaufhaus und weiß nicht mehr, wo ich bin.“ Viele der Ramsteinbetroffene berichten auch nach 12 Jahren noch über diese Konzentrationsschwierigkeiten.

 

Kontrollverlust ist ein besonderes Symptom des Traumas. Die Selbstbestimmung geht verloren. Die betroffenen Menschen fühlen sich von den Auswirkungen des Traumas bestimmt. Alles was vor dem Trauma normal zu regeln war, gilt nach diesem Ereignis nicht mehr. Hier ist das Kennenlernen der Reizauslöser wichtig, und bei zunehmender Kenntnis kehrt etwas Sicherheit zurück. Waffenträger oder Lockführer können zu einem Sicherheitsrisiko werden.

 

Schuld- Schamgefühl, treten nach einem Trauma schneller auf als nach einer Belastung. Gerade die Hilflosigkeit, die eine häufig erlebte Gefühlsqualität bei Trauma ist, löst ein tief liegendes Schuldgefühl aus. Dieses Schuldgefühl ist ebenso häufig anzutreffen, wenn andere Menschen ums Leben gekommen sind, der Betroffene aber selbst überlebte.

 

( Überlebensschuld)

 

Beispiel: Ein Flugtagsbesucher von Ramstein fühlt sich schuldig, weil er seinen Bruder und seinen Vater mitnahm und diese ums Leben kamen.

 

Beispiel: Eine junge Frau, die das Zugunglück von Eschede überlebt hatte sagte“: Ich kann doch nicht für 101 Menschen leben.“

 

Ärger ist nach dem traumatischen Erlebnis eine häufige gefühlsmäßige Reaktion.

Dieser Ärger zeigt eine geringere Belastbarkeit an, die nach einem Trauma bei den Betroffenen vorhanden ist. Diese Veränderungen der Person sind sehr belastend für sie selbst, und auch eine große Belastung für die Ehe. Der Partner kann diese Veränderung nicht nachvollziehen. Die Trennung von Beziehungen ist häufig das Ende der Auseinandersetzungen. Wir haben gelernt, dass sehr schnell nach einem traumatischen Erlebnis der Partner mit einbezogen werden sollte. Durch das Verstehen und Aufklären konnten wir den Partner zu einer wichtigen Stütze innerhalb der Traumabewältigung werden lassen.

 

Der Ärger tritt auch besonders dann auf, wenn eine Institution nicht ihrer Fürsorgepflicht nachkommt. Der Einsatz für und die Identifikation mit der Institution hat zur Folge, dass eine Fürsorge erwartet wird. Der Vorgesetzte ist der menschliche Vertreter der Institution, und trägt deshalb eine besondere Verantwortung. Fehlt diese Achtung und Wertschätzung, gerät der Betroffene in fast nicht lenkbare Wut. Diese Wut hält dann das traumatische Erlebnis aufrecht.

 

Das Selbstbild ist nach einem traumatischen Erlebnis gestört. Die Veränderung der Persönlichkeit kann nur schlecht angenommen werden. Es besteht der Wunsch so wie vor dem Ereignis zu sein.

 

Misstrauen entsteht aus dem Gefühl der Unsicherheit und dem Erleben der ständigen Gefahr.

 

Dieses Gefühl kann sich auf vieles ausweiten. Unbekannte Menschen und Situationen werden schnell als bedrohlich erlebt. Das Vertrauen in ein sicheres Schicksal ging verloren. Es ist nun nicht mehr selbstverständlich, am Leben zu sein.

 

Die Erinnerungen an vergangene traumatische Erlebnissekommen mit einem erneuten traumatischen Erlebnis auch ins Bewusstsein, obwohl es schon Jahre zurückliegt.

 

Es ist, als wäre ein Hirnspeicher mit dem erneuten Erleben geöffnet worden. Diese Erinnerungen können dann detailgetreu wiedergegeben werden, genauso wie das neue Erlebnis. Es ist wie auf der „Festplatte“ gespeichert, und wird mit dem erneuten Trauma abgeglichen.

 

Ein traumatisches Erlebnis verknüpft sich nicht mit dem neu Erlebten und kann dadurch nicht verarbeitet werden.

 ( B. v.d.Kolk)

 

Trauma kann aber in die Lebensgeschichte integriert werden und dadurch ein belastungsärmer Umgang mit der Lebensveränderung gefunden werden.

 

Mit betroffenen Menschen, die ein traumatisches Erlebnis überstanden haben, ist in Zukunft deutlich anders umzugehen, wenn wir langfristige Erkrankungen vermeiden wollen.

 

Wenn Menschen darüber nicht sprechen, ist die Geschichte noch lange nicht verarbeitet, und erst recht nicht, wenn „ ja schon so viele Jahre vorbei sind.“