Katastrophennachsorge

Sybille Jatzko

 

Trauer:

Hinterbliebene müssen oft tagelang bangen, bevor sie die Todesnachricht erhalten.

 

Meist ist es ihnen dann nicht mehr möglich den Leichnam des geliebten Menschen zu sehen um Abschied zu nehmen zu können. Durch den plötzlichen Tod bleibt in der inneren Welt der verstorbene Mensch lebend zurück. Wenn visuell der Tod nicht aufgenommen und dann in die Gefühlswelt integriert werden kann, bleibt der Wunsch, dass der Angehörige noch leben würde, stärker als die Realität. In diesem inneren Konflikt entsteht ein Vermisstenstatus der ein Gefühl auslöst, als käme der Verstorbene doch wieder zurück, oder er hätte sich irgendwie gerettet. Nach Ramstein (1988) und dem Absturz der Birgenairmaschine (1996) in der Dom. Rep. begegneten mir ältere Menschen, die es nicht mehr verkraften konnten, dass das geliebte Kind nicht mehr lebt. Sie hatten sich zwei Welten aufgebaut. Die eine Welt lebt damit in dem Wunsch und in der Hoffnung, das Kind komme bald wieder zurück. In der anderen Welt wird der Tod bewusst aufgenommen. So hatten sich diese Menschen eine für sich selbst erträgliche Lösung geschaffen, die ein Weiterleben ermöglicht.

 

Ohne geeignete Unterstützung entwickeln viele Menschen Symptome komplizierter Trauer. Dazu gehören über die bekannten Trauerreaktionen hinaus:

 

Erschwerende Bedingungen der Trauer:

Begleitumstände des Todes

─ Verlust ist ungesichert

─ Verstorbene sind nicht auffindbar

─ Verstorbener ist schwer verunstaltet

─ Verstorbener hat schwer gelitten

─ Mehrere Todesfälle in einer Familie

─ Unerwarteter Tod

─ Tod durch Suizid, Mord, Gewalt, Vernachlässigung

 

Lebensgeschichte des Trauernden

─ Komplizierte Trauerreaktionen in der Vergangenheit

─ Mehrere Todesfälle in kurzer Zeitspanne

 

Persönlichkeit des Trauernden

─ Meiden der Gefühle der Hilflosigkeit

─ Überspielen mit "Stärke"

─ Ängstigende religiöse Vorstellungen und Bewertungen

 

Beziehungen zwischen Trauerndem und Verstorbenen

─ Hochambivalente Beziehungen

─ idealisierende ( Narzisstische) Beziehungen in denen eigene Sehnsüchte auf

   den Verstorbenen delegiert wurden und dieser der Erwartung des eigenen

   Selbstwertgefühls dienten.

─ Beziehungen hoher Abhängigkeit

 

Soziale Faktoren

─ Verlust wird im sozialen Umfeld nicht besprochen (Tabuisierung)

─ Verlust wird sozial negiert, als hätte er nicht stattgefunden

─ Verlusterleben wird aus sozialer Verpflichtung für andere unterdrückt

─ Fehlende oder schädigende soziale Netzwerke

 (H. Seidlitz überarbeitet nach H.Littlewood 1992, Determinanten pathologischer Trauer)

 

Wenn ein Mensch plötzlich aus dem Leben geht, bricht ein Stück aus der Ganzheit der Hinterbliebenen heraus. Ständig sind die betroffenen Menschen nun in Gedanken und Taten damit beschäftigt, die Lücke zu schließen. Dieses kann gelingen, wenn Sie die verlorene Nähe wieder herstellen können. Das heißt, es ist wichtig den Verstorbenen in der Nähe zu haben oder so schnell wie möglich in die Nähe des Unfalles zu kommen. ( Swiss Air, Peggis cove). Danach haben wir die Kultur der Grabpflege entwickelt. Die gewünschte Nähe des plötzlich Verstorbenen und die noch ausstehenden Gespräche boten wir den Hinterbliebenen in einer Meditation an. Hier konnte in entspanntem Zustand der Kontakt aufgenommen und im geleiteten Text viele erlösende Gespräche geführt werden.

 

Dabei lernten wir, dass der Begriff „Trauerarbeit“ verbannt werden sollte. Er kann Ängste auslösen, Betroffene fürchten sich vor dieser Arbeit und beginnen sie zu meiden. Wenn die Trauernden selbst den Prozess als Arbeit bezeichnen, so ist dieses ihrem Empfinden angemessen.

 

Das Wort „loslassen“, dass häufig von außen therapeutisch verwand wird, löst bei vielen nicht nur Abwehr sondern auch Wut und Aggression aus. Es entspricht nicht den eigentlichen Wünschen des Trauernden. Der Trauernde möchte das Andenken bewahren und fühlt sich in der Trauer dem verlorenen Menschen sehr nahe, weshalb so mancher die Trauer als ambivalent empfindet. Trauer ermöglicht die stärkste, mögliche Nähe zum Verlorenen und lässt die innere Welt ganz langsam sich auf das Neue einstimmen, was nun kommt. Wir haben in einer Meditation ein Schatzkästlein entwickelt, in das all das Wertvolle, was den Menschen mit Verstorbenen verband, hineingelegt wird. Jederzeit kann dieses Kästchen geöffnet werden um diesen wertvollen Inhalt anzuschauen. Damit kann eine Brücke zum Respekt der eigenen inneren Welt gebaut werden und der Alltag kann langsam eine neue Orientierung finden.

 

Nach größeren Schadensereignissen ist es dringend notwendig einen Ombudsmann einzusetzen.

 

Opfer und Hinterbliebene benötigen einen Ansprechpartner, der sie mit allen Informationen über rechtliche, soziale, finanzielle, psychologische und seelsorgerische Hilfe versorgt. Diese Stelle muss unabhängig von allen Behörden und Ämtern sein, aber von diesen gewünscht und unterstützt werden. Zum ersten Mal wurde diese Idee 1998 von der Deutschen Bundesbahn aufgenommen und mit Prof. Dr. Ernst Krasney für die Opfer und Hinterbliebenen des Zugunglückes von Eschede (3.6.98) umgesetzt. Die persönliche Ansprache für einen „psychosozialen Fahrplan“ und eine Gruppennachsorge ist hier von besonderer Bedeutung.

 

Das Angebot einer psychosozialen Nachsorgegruppe für die Bewältigung des Erlebten und der Trauer für die Überlebenden, Opfer und Hinterbliebenen hat sich in einer Schicksalsgemeinschaft als sehr hilfreich bewährt.

 

Die hieraus entstandenen Schicksalsgemeinschaften und Freundschaften haben nach Ramstein und Birgenair gezeigt, dass diese Verbindungen sich in gegenseitiger Unterstützung tragen und ein Fundament bilden, welche der Vereinsamung entgegenwirkt. Hier ist eine Gemeinschaft, die Verständnis zeigt für jede individuelle Form der Verarbeitung. Hier wird ein Zusammensein erlebt, das zu jeder Zeit ohne Bewertungen, auch noch nach einem Jahr, jedem zur Seite steht, auch wenn die soziale Umwelt die Normalität wieder verlangt. Aus dieser Gemeinschaft heraus werden Betroffene motiviert sich der Einzeltherapie anzuvertrauen, wenn dieses notwendig würde. Im Allgemeinen reichen diese Gruppenzusammenkünfte aus. Die Betroffenen sind normale Menschen, die durch plötzliche Erlebnisse und Verluste einer veränderten Lebenssituation gegenüber stehen und brauchen dem zu Folge Unterstützung und Hilfen aber keine Therapie. Dieses ermöglicht sogar, dass Trauernde sich als Helfer für andere zu erleben, was den Selbstwert stärkt und nicht eine Opferhaltung festlegt.

 

Abschied nehmen von Toten

 

Da die toten Menschen bei Unfällen infolge schwerer Entstellungen von den Angehörigen oft nicht mehr gesehen werden können, verzögert das die sonotwendigen Trauerprozesse.

Für das Einsehen von Obduktionsberichten und Fotos besteht keine Rechtsgrundlage. Angehörigen sollte man nach Wunsch ermöglichen, ihre Toten in geschützter Weise zusammen mit einer Begleitperson zu sehen, und- oder genaueres erfahren zu lassen. Auch erschreckende, phantasierte Bilder der Angehörigen können korrigiert werden. Es kann zur Einsicht kommen, dass ein Überleben nicht möglich war.

 

Für Hinterbliebene ist die aktive Beteiligung an der Gestaltung von Gedenkstätten und Gedenkfeiern mit Ritualen von besonderer Bedeutung. Häufig werden die betroffenen Menschen von Politikern bevormundet. Andere übernehmen die Verantwortung. Die Wünsche der Hinterbliebenen sind meist anders. Neue seelische Wunden werden durch zu schnelles Handeln verursacht. Hier ist es für den Trauerprozess und die Bewältigung von Schuldgefühlen wichtig selbst aktiv zu sein, um eine Beziehung zur zukünftigen Gedenkstätte entwickeln zu können.

 

Bei Birgenair nannten wir es, „die Gedenkstätte zu beseelen“.

 

Auch wenn im sozialen Umfeld vieles unverständlich erscheint, so ist es für Helfer und Begleiter wichtig, mit Respekt und Wertschätzung die betroffenen Menschen in ihrer eigenen Art und Weise der Bewältigung zu unterstützen und jedem seine persönliche Art zu lassen mit dem Verlust zu leben.